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Ordnung ist das halbe Leben

Wenn einem das Chaos über den Kopf wächst, ist es manchmal schwer, wieder Ordnung ins Leben zu bringen. Dazu benötigt es nicht nur viel Tatkraft und eine gute Organisation. Denn beim Aufräumen muss man vor allem eines: loslassen können.

Text — Helen Weiss

 

Es ist nicht einfach, im täglichen Leben zu bestehen: Die Verpflichtungen sind oftmals überwältigend, der Zeitplan straff und die Aufgaben in der Berufswelt, als Eltern oder beim freiwilligen Engagement vielfältig. Das Jonglieren all der Alltagspflichten erfordert Talent – ebenso wie das Organisieren des Haushalts. Studien haben ergeben, dass 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung Mühe haben, ihren Alltag selbstständig zu gestalten. Zwei bis drei Prozent haben sogar massive Probleme damit. Ob Ordnung tatsächlich das halbe Leben ist – wie das Sprichwort impliziert – sei dahingestellt. Wenn sich jedoch stapelweise Material im Haus ansammelt und man beim besten Willen nicht mehr weiss, wohin damit, ist die Zeit gekommen, sich von gewissen Sachen zu trennen. Denn Unordnung entsteht eigentlich nur, wenn man zu viele Dinge besitzt. 

Wir kennen es alle: Als vielseitig interessierte Person bringt man von jeder besuchten Veranstaltung Broschüren mit, die man irgendwann noch ansehen möchte, aber nie dazu kommt. Das Saxophon aus der Jugendzeit liegt Jahr für Jahr ungenutzt auf dem Estrich, weil man ja irgendwann ganz bestimmt wieder musiziert. Der Umstand, dass mit dem Homeoffice nun auch das Büro im Haus angesiedelt ist, birgt zusätzliche Herausforderungen. Als Familie ist man punkto Ordnung zudem noch stärker gefordert, denn Kinder sind ausgewiesene Sammler, die jeden ansprechenden Kiesel oder interessanten Grashalm nach Hause schleppen und aufbewahren – ganz zu schweigen von den Lego-Bergen, Sport-Utensilien und Büchern.

 

ENTRÜMPELN MIT SYSTEM

Ordnung ist von der Gesellschaft immer auch ein Gradmesser, wie erfolgreich man in im Leben ist. Wer ein aufgeräumtes Haus hat, hat auch seinen Alltag im Griff. Kein Wunder also, schämt man sich ob der eigenen Unordnung vor andern – und weiss trotzdem nicht, wie die Ordnung wiederhergestellt werden soll. Wer aufräumen will, beginnt am besten mit kleinen Aufgaben, die man sich wöchentlich stellt. Dabei hilft es, einen Plan zu erstellen und allenfalls gemeinsam mit allen Familienmitgliedern Ziele festzulegen. Es ist wichtig, die Kinder miteinzubeziehen – auch wenn es manchmal schneller gehen würde, wenn man das Aufräumen rasch selbst zur Hand nimmt. Wochenziele können etwa darin bestehen, ein Regal im Homeoffice aufzuräumen oder die PET-Flaschen zu entsorgen. Dadurch entsteht Woche für Woche mehr Ordnung – bis man sich an grössere «Baustellen» wie Küche und Kleiderschrank wagen kann. Keller, Estrich oder Garage sind dann die Königsdisziplin.

Egal ob man ausmistet oder später dauerhaft die Grundordnung aufrechterhält: Es geht immer darum, das Chaos einzudämmen. Beim Aussortieren von Dingen kann die folgende Frage helfen: «Wenn ich jetzt beim Einkaufen wäre, würde ich diesen Gegenstand erwerben?» Das gilt für Kleidung und Dekoration, für Technik und auch für Werkzeuge. Diese eine Frage kann helfen, den Entscheidungsprozess zu vereinfachen. Passt eine Jeans nicht mehr, würde man sie nicht kaufen. Für ein veraltetes Handy würde man ebenfalls nichts bezahlen, geschweige denn für einen kaputten Staubsauger. Und ja, wir alle wissen, dass wir irgendwann eine Diät machen und die Jeans wieder passt, das alte Handy in 50 Jahren vielleicht Sammlerwert hat und der Staubsauger am Sanktnimmerleinstag geflickt wird – aber momentan haben diese Dinge keinen Wert. 

CHECKLISTE

SO BLEIBT ES ORDENTLICH

  • Es hilft, wenn eine gewisse Grundordnung mit praktischem Ablagesystem herrscht, die man durch regelmässiges Aufräumen immer wieder herstellen kann. 
  • Man darf ruhig grosszügig mit sich selbst sein und muss sich nicht stressen lassen, wenn einmal temporär etwas Unordnung auf dem Schreibtisch herrscht. 
  • Wichtig ist, dass die Ordnungsstruktur praxisbezogen ist. Wenn man jede Zeitung gleich am richtigen Ort ablegen muss, kann das auch etwas Zwanghaftes haben.
  • Die Regel «keine leeren Gänge» sollte man sich zu Herzen nehmen. Geht man etwa in den Keller, sollte man sich gut überlegen, was gleich mit nach unten genommen werden kann. 
  • Ideal ist, wenn man immer «aufgeräumt» zu Bett geht. Steht man morgens auf und das Geschirr vom Tag zuvor steht noch auf dem Tisch, ist das äusserst frustrierend. 
  • So genannte Zwischenlager auf der Treppe oder neben der Kellertür sollte man sich nicht anlegen, sondern die Dinge gleich am entsprechenden Platz verräumen.


MEHR RAUM ZUM WOHNEN

Es mag beängstigend erscheinen, etwas loszuwerden, das man seit Ewigkeiten nicht benutzt hat, denn es besteht ja vielleicht die Möglichkeit, dass man es eines Tages wieder braucht – wie etwa die Kiste voller alter Internetkabel und Adapter, die garantiert in jedem Haushalt steht. Es bedeutet nicht die Welt, etwas loszuwerden, das man jetzt nie benutzt, denn wenn in Zukunft Bedarf besteht, lässt es sich ausleihen oder kaufen. Ein kleiner Kniff kann helfen, diesen Prozess zu erleichtern: Beim Aufräumen stellt man sich drei Kartonkisten bereit. In die erste kommt alles, was man behalten möchte, in die zweite jene Dinge, von denen man sich trennen will. Die letzte Kiste ist für Sachen reserviert, bei denen man sich noch nicht entscheiden kann. Ist sie voll, wird sie im Estrich oder Keller verstaut und nach einer bestimmten Zeit entsorgt. Denn was man ein Jahr lang nicht vermisst hat, kann man weggeben. Besteht einmal eine Grundordnung, gilt es, diese möglichst aufrecht zu erhalten, um nicht erneut grosse Aufräumaktionen zu planen. Am besten macht man sich das Aufräumen zur täglichen Routine. Dafür identifiziert man jene Teile des Hauses, an denen schnell und oft Unordnung herrscht. Dazu zählen etwa Küche oder Kinderspielbereiche. Glasflaschen und Müll entsorgen, Legos in Kisten packen und kaputte Malstifte fortwerfen, gehören zur Routine. Daneben sollte man alle drei Monate Zeit einplanen, um einen Bereich des Hauses gründlich aufzuräumen. Im Turnus bleiben so Garage, Estrich, Keller, Kleiderschrank, Wohnraum, Rumpelkammer und Gästezimmer ordentlich. 

 

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